20.08.2015

Magerer Eisbär - eine Bildgeschichte

Für Touristen und Naturfotografen ist der Hauptgrund für eine Reise nach Spitzbergen der, Eisbären in freier Wildbahn erleben zu können. Und ja, meistens finden wir sie auch: hübsche und fotogene Bären, verspielt oder sogar an einer toten Robbe fressend. Auf den ersten Blick wirkt alles, wie es sein soll: hier, in einer der am einfachsten zu erreichenden Eisbärenpopulationen der Welt, die auch noch gut geschützt ist und der es scheinbar gut geht. Aber ist dem wirklich so?

Ich bin ein kritisch denkender Mensch, und ich beobachte. Ich erlebe angenehm-warme Sommer, ich bestaune beindruckende Kalbungen an Gletschern, die sich Jahr für Jahr Dutzende bis Hunderte von Metern zurückziehen. Ich erlebe ein stark flukturierendes Packeis, das jedes zweite Jahr einen neuen Minimum-Rekord aufstellt. Und ich sehe Eisbären. Ja, ich habe fette und gesunde Bären gesehen, aber auch tote und verhungernde Tiere. Bären, die rastlos am Ufer Spitzbergens entlangwandern, auf der Suche nach Robben, und die statt dessen Vogeleier, Moos und Seetang fressen. Und ich nahm voller Erstaunen wahr, dass die dicken Bären auf dem Packeis beinahe ausnahmslos Männchen sind. Die Weibchen dagegen finden sich vermehrt an Land, wo sie ihre Jungen gebären - und dünn bleiben. Das Packeis, das sich immer weiter nach Norden zurückzieht, lässt sie oft an Land stranden, wo es kaum etwas zu fressen für sie gibt. Im ersten Jahr verlieren sie ihr erstes Junges. Im zweiten Jahr dann ihr zweites. Nur einmal habe ich eine Mutter mit einem fast selbständigen Jungtier beobachten dürfen. Nur sehr selten sah ich wunderbar dicke Weibchen mit herrlich fetten Jungtieren. Und viele Male sah ich dünne bis sehr dünne Bären - die meisten davon Weibchen. So wie dieses Tier hier: kaum mehr als Haut und Knochen, zum Tode verurteilt, weil es eine lange Wunde am Vorderbein hat. Vermutlich wurde es von einem Walross verwundet, als es (verzweifelt?) versuchte, dieses zu schlagen.

Es gibt Menschen, die behaupten, dass es den Bären auf Spitzbergen gut gehe. Dem setze ich eine Frage entgegen: wie kann eine Population stabil sein, wenn man weniger und weniger Weibchen und Jungtiere sieht? Wie kann es einer Population „gut gehen“, wenn die meisten Bären einen Körperindex von 2-3 auf einer Scala von 1-5 haben? Ein einziges Mal nur sah ich einen dicken, fetten Bären, dem ich eine „5“ geben wprde, mehrere Male dagegen sah ich frisch verhungerte Bären und solche wie diesen hier, die nur noch mit „1“ einzustufen sind. Ich kann meine Beobachtungen nicht wissenschaftlich untermauern, aber ich kann Schlüsse ziehen. Und ich kann sagen: der Klimawandel verändert die Arktis so schnell, wie ich es niemals für möglich gehalten habe.

Für mich ist klar: es gibt keinen wichtigeren Natur- (und Menschen-) Schutz als Klimaschutz. Ich lasse mir meinen Optimismus nicht nehmen von deprimierenden Neuigkeiten, im Gegenteil. Ich möchte alles tun, was ich kann, um den Klimawandel abzubremsen. Ich bin zwar nur ein einiziger, kleiner Mensch, aber ich kann mein Verhalten ändern, ich kann andere Entscheidungen treffen, als ich es noch letzte Woche tat. Jede kleine Handlung für den Klimaschutz ist sinnvoll, wichtig und extrem notwendig, davon bin ich überzeugt!

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