Natur und wir

Island.‭ Eine klare Nacht Anfang März.‭ ‬Eine dünne Mondsichel erleuchtet die schneebedeckte Fjordkulisse,‭ ‬die ich von meinem hohen Standpunkt gut einsehen kann.‭ ‬Eine gute Stunde bin ich gewandert,‭ ‬immer den Berg hinauf,‭ ‬immer den Blick auf die Milchstraße gerichtet,‭ ‬die wie ein Diadem am blauen Himmel funkelt.‭

Ich stelle den Rucksack ab und lege mein Stativ auf einen Stein.‭ ‬Jetzt wird gewartet‭! ‬Ob sie wohl kommen werden,‭ ‬die Nordlichter‭? ‬Noch ist nur ein farbloser Nebel am Horizont zu erkennen,‭ ‬der mich nicht zum Fotografieren animiert.‭ ‬Doch innerhalb von Minuten verdichtet er sich zu einem dünnen Band,‭ ‬das,‭ ‬plötzlich,‭ ‬leuchtsterngrün zu pulsieren beginnt.‭ ‬Wie Lichtsäulen im Nebel reihen sich klar abgegrenzte grüne Streifen aneinander und bewegen sich schubartig fließend über den Himmel fort.‭ ‬Gelb mischt sich in das pastellfarbene Grün,‭ ‬welches für nur wenige Augenblicke mit violetten Säumen geschmückt ist.‭ ‬Plötzlich ist der ganze Himmel in Bewegung und springen Flammen aus durchsichtigen Farben über das Firmament,‭ ‬wie der Pulsschlag des Himmels unter den Sternen.‭

Atemberaubende Erlebnisse wie diese machen mir immer wieder klar,‭ ‬was für ein priviligiertes Leben ich lebe‭ – ‬und wofür es sich zu kämpfen lohnt.‭ ‬Naturschutz ist nicht nur Teil meines Lebens,‭ ‬es IST mein Leben:‭ ‬ich will erhalten,‭ ‬was ich über alle Maßen liebe.‭ ‬Und das tue ich ‬soweit es in meinem Ermessen liegt.‭ ‬Bewusstes,‭ ‬reduziertes Konsumieren,‭ ‬Verzicht auf Auto und Besitz und ein eher bescheidener Lebensstil würden es mir leicht machen,‭ ‬auch meinen CO2-Fußabdruck niedrig zu halten‭ – ‬wenn ich nicht mehrmals im Jahr das Flugzeug nutzen würde,‭ ‬meine größte ökologische Übeltat.‭ ‬Auch hier gehe ich Kompromisse ein:‭ ‬ich beschränke mich wie fast immer im Leben ein bisschen,‭ ‬aber nie so viel dass ich unglücklich wäre.‭ ‬Den Respekt für Natur und den Glauben an Veränderung ins normale Leben mitzunehmen ist meiner Meinung nach die beste Möglichkeit,‭ ‬der Natur etwas zurückzugeben! ‬Jede unserer Entscheidungen hat Konsequenzen,‭ ‬für uns,‭ ‬unsere Mitmenschen und unsere Welt,‭ ‬und für alles gibt es Alternativen.‭ ‬Einfache,‭ ‬günstige und lebenswerte Alternativen‭! ‬Das wichtigste ist,‭ ‬positiv zu bleiben,‭ ‬das Leben zu genießen und dabei schlichtweg Rücksicht auf andere zu nehmen.‭ ‬Mir ist nicht alles egal,‭ ‬und ich finde mich nicht damit ab,‭ ‬dass wir ohnehin nichts am Lauf der Dinge ändern können‭! ‬Veränderung ist immer möglich‭ – ‬und die beginnt bei mir vor der Haustür.‭

In‭ ‬50‭ ‬Jahren,‭ ‬der Zeitspanne eines einzigen Menschenlebens,‭ ‬wurde die‭ ‬Erde radikaler verändert,‭ ‬als in allen Generationen der Menschheit davor.‭ ‬Wir wissen,‭ ‬dass es heute Lösungen gibt‭; ‬und jeder von uns hat die Macht diese umzusetzen.‭ ‬Worauf warten wir also‭?

Yann Arthus-Bertrand‭


Als Fotograf kämpfe ich mit einem Paradox:‭ ‬meine Bilder begeistern andere für die Schönheit der Natur,‭ ‬inspirieren sie aber auch gleichzeitig,‭ ‬diese Schönheit selber zu erleben.‭ ‬Meine Fotos haben schon so manchen Menschen dazu bewegt,‭ ‬Island zu besuchen:‭ ‬dessen Natur wird gerade vom Massentourismus zu Tode geliebt.‭ ‬Und als wäre das nicht paradox genug so bin ich auch noch Guide und verdiene meinen Lebensunterhalt als Teil einer Industrie,‭ ‬die im allgemeinen nicht zum Erhalt der Natur beiträgt.‭ ‬Dennoch arbeite ich guten Gewissens als Guide,‭ ‬denn so komme ich in Kontakt mit vielen Menschen und habe die Möglichkeit,‭ ‬viele Dialoge auf persönlicher Ebene zu führen und andere zum Nachdenken anzuregen.‭ ‬Natur in sein Leben und Denken zu integrieren ist einfach‭ – ‬es ist Kopfsache,‭ ‬eine Philosophie,‭ ‬die sich jeder selbst erschließen muss.‭ ‬Letztendlich leben wir doch alle auf demselben Planeten und sind wir alle von denselben Resourcen abhängig.‭ ‬Ganz so wie ein Sprichwort der amerikanischen Ureinwohner sagt:‭

                                        
The earth does not belong to man, man belongs to the earth.